
Public Viewing ist Party. Archivbild WM 2010.
Rhein-Neckar, 25. Juni 2012. In knapp einer Woche ist der ganze Zauber wieder vorbei. NĂ€chsten Sonntag steht der Europameister 2012 fest und man kann die Abende wieder anders verplanen. Gabi ist darĂŒber ganz froh, denn sie ist kein FuĂballfan. Dennoch geht sie zu Public Viewings.
Ich habâs nicht mit FuĂball. So, jetzt ist es raus, jetzt habe ich es gesagt.
Vor dem SommermĂ€rchen, der WM 2006 in Deutschland, konnte man dies auch noch ungestraft sagen. Bis dahin gab es die FuĂball-Begeisterten und die anderen.
Doch mit diesem Sommer Ànderte sich alles. Mit Public Viewing wurde die WM 2006 zu einem nationalen Event.
Deutschlandfahnen, in meiner Jugend noch verpönt, wehen nun in den Zeiten von Welt- und Europameisterschaften von Balkonen, aus Fenstern und von AutodÀchern.
Das perfekte Styling muss sein
Eine ganze Industrie entstand, die fĂŒr das richtige Equipment sorgte. Ketten, SchweiĂbĂ€nder, Schminke, Vuvuzelas, Ăberzieher fĂŒr die AutoauĂenspiegel und Fahnen in jeglicher GröĂe, alles in schwarz-rot-gold, gibt es an jeder StraĂenecke zu kaufen.
Dieser Tage habe ich sogar einen alten Mann mit einem mit Fahnen geschmĂŒckten Rollator gesehen.
Was frĂŒher den wahren Fan ausmachte wurde quasi ĂŒber einen Sommer zum Allgemeingut.
Wenn ich sage, ich schaue kein FuĂball, heiĂt es nicht, dass ich mir nicht das eine oder andere Spiel angucke, aber es bedeutet, ich plane in dieser Zeit meinen Alltag nicht um dieses Ereignis. Und ich empfinde es Ă€uĂerst lĂ€stig, wenn auf die Frage, “kommt ihr zum Grillen”, die Antwort “stellt ihr auch einen Fernsehen auf” folgt.
Ich freue mich, wenn die deutsche Mannschaft nach einem guten Spiel weiter kommt, aber ich stĂŒrze nicht in eine Existenzkrise, wenn sie ausscheidet.
Gott sei Dank ist auch mein Mann kein FuĂballfanatiker. Er schaut nie die Sportschau und hat auch keinen Lieblingsverein in der Bundesliga. Aber natĂŒrlich schaut er WM- und EM-Spiele – wenn es zeitlich passt.
Ich bin zwar Mutter eines Sohnes, blieb aber von FuĂballverein und dementsprechenden Spielen am Wochenende verschont.
Wahre Fans und Party-MitlÀufer
Anders geht es da einer guten Freundin. Alle zwei Jahre ist sie komplett verzweifelt, denn ihr Angetrauter und ihre beiden Söhne gucken jedes Spiel von der Vorrunde an.
Vier Wochen lang ist mit ihren MĂ€nner komplett nichts anderes anzufangen.
Aber ihr Göttergatte war schon immer FuĂball begeistert, nicht erst seit die groĂe Meisterwelle die Nation ĂŒberschwappt hat.
Das ist ehrlich und authentisch. Vielen anderen geht es nur um die Party.
Am vergangenen Freitag war ich zufÀllig in Mannheim und habe ganze Gruppen von Jugendlichen in perfektem EM-Styling zum Friedrichspark pilgern sehen.
Das hÀtte auch ein Rock-Konzert sein können, dachte ich mir. Es geht um das Event als solches und weniger um den Inhalt. Und das schöne daran ist, das ganze Land und besser noch, ganz Europa feiert mit.
Wenn ich morgens mit dem Auto zur Arbeit fahre, gibt es jetzt bei SWR3 regelmĂ€Ăig einen kurzen Talk mit âdem EM-Hasserâ. Er outet sich ganz freimĂŒtig und mimt damit den AuĂenseiter. GlaubwĂŒrdig oder auch nicht, eines wird klar, entzieht man sich dem nationalen Hype, gerĂ€t man ins Abseits.
Und auch ich gehe gerne auf Public Viewings, das macht SpaĂ, das ist spannend, das ist Party. Hat aber mit FuĂball selbst, recht wenig zu tun.
Und wichtig ist: Bleibt die deutsche Mannschaft drin, geht die Party weiter.


















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